DIGITALER FORTSCHRITT – BITTE WARTEN

GEDANKEN

DIGITALER FORTSCHRITT – BITTE WARTEN

Freitag, 23. Oktober 2026

Von Menschen, Maschinen und der Kunst, einfach mal weiterzufahren.

Aquarell-Collage: Smartphone an der Supermarktkasse, am Steuer und beim Spaziergang mit Kinderwagen.
Illustration mit KI erstellt.

Meine Homepage ist wieder da. Allerdings nicht mehr als die klassische Internetseite eines Werbefotografen. Nach vielen Jahren habe ich beschlossen, ihr eine neue Richtung zu geben. Persönlicher, vielseitiger und vor allem freier.

Was ich sehe. Was mich bewegt. Was bleibt.

Das ist der Gedanke dahinter. Eigentlich wollte ich mit meinen Geschichten, Gedanken und Fundstücken auch ein bisschen Mut machen. Vielleicht sogar hier und da ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Wenn ich mir allerdings anschaue, was ich in der kurzen Zeit seit dem Umbau bereits zusammengetragen habe, stelle ich fest: Die heiteren Seiten des Lebens sind bislang etwas unterrepräsentiert.

Das liegt möglicherweise weniger an mir als an dem, was da draußen so alles passiert.

Ein herrlicher Sommer wird zur nächsten Klimakatastrophe erklärt. Über Kriege wird gesprochen, als wären sie ein Computerspiel. Meinungen werden übernommen, ohne sie zu hinterfragen, und wer eine andere hat, wird schnell in irgendeine Ecke gestellt.

Dabei könnte man sich doch einfach mal die Mühe machen, Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, selbst nachzuforschen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Aber gut. Eigentlich wollte ich heute über etwas ganz anderes schreiben.

Über den digitalen Fortschritt. Und die erstaunliche Fähigkeit des Menschen, damit alles aufzuhalten.

Heute Morgen war ich wie üblich etwas knapp dran. Erst mit dem Hund raus, dann noch schnell einkaufen, bevor die Arbeit beginnt. Natürlich mit dem Fahrrad. In Zeiten wie diesen muss man schließlich darauf achten, dass man möglichst keine Fahrzeuge benutzt, die Erdöl oder Strom verbrauchen. Das Fahrrad verbraucht immerhin nur meine eigene Energie. Und davon war morgens noch etwas übrig.

Im Supermarkt ging dann allerdings nichts mehr.

Vor mir stand eine Dame, die unbedingt mit ihrem Smartphone bezahlen wollte. Ein durchaus ambitioniertes Vorhaben, wie sich herausstellte.

Erst funktionierte das Handy nicht. Dann wurde gesucht, gewischt, gedrückt und noch einmal versucht. Schließlich sollte die gute alte EC-Karte helfen. Dummerweise war die PIN offenbar irgendwo zwischen den vielen gespeicherten Telefonnummern aus dem Gedächtnis verschwunden.

Bargeld? Fehlanzeige.

Die Schlange wurde länger, die Gesichter auch.

Und ich stand da mit meinem Einkauf, meinem Fahrrad vor der Tür und dem Arbeitsbeginn im Nacken.

Nun könnte man sagen: Hab dich nicht so, das kann jedem passieren.

Stimmt sogar. Aber es passiert eben immer häufiger. Und ich frage mich, ob wirklich alles digital werden muss, nur weil es technisch möglich ist.

Früher hat man an der Kasse ein paar Scheine hingelegt, sein Wechselgeld bekommen und war weg. Heute braucht man dafür gelegentlich ein funktionierendes Smartphone, eine App, einen geladenen Akku, eine Internetverbindung und im Idealfall noch ein einigermaßen intaktes Gedächtnis.

Fortschritt kann so einfach sein.

Und dann wären da noch die Ampeln.

Besonders schön lässt sich dieses Phänomen beobachten, wenn ich mit dem Motorrad unterwegs bin. Grün. Niemand fährt. Noch immer grün. Noch immer nichts.

Ein kurzer Blick ins Auto vor mir erklärt meistens alles: Der Fahrer ist gerade mit seinem Smartphone beschäftigt.

Ich will mich davon gar nicht ausnehmen. Ist mir auch schon passiert. Aber ich bilde mir zumindest ein, anschließend wieder gewusst zu haben, welche Farbe eine Ampel haben muss, damit man losfährt.

Dazu fällt mir eine Geschichte eines Comedians ein, die ich vor Jahren gehört habe.

Er war für einen Auftritt in Linz unterwegs und stand mit seinem Mietwagen an einer Ampel. Während er noch einmal seine Unterlagen durchging, vergaß er offenbar völlig die Welt um sich herum.

Zwei Grünphasen vergingen.

Irgendwann klopfte ein Österreicher an seine Seitenscheibe. Er ließ sie herunter und bekam die wunderbare Frage gestellt:

„Entschuldigung, aber war Ihre Farbe noch nicht dabei?“

Ich liebe diesen Humor.

Und wo wir gerade bei Menschen sind, die ihre Umwelt vor lauter Smartphone nicht mehr wahrnehmen:

Wer einmal durch Hamburg-Winterhude oder Eppendorf spaziert, kennt vielleicht diese besondere Form des innerstädtischen Verkehrs: Kinderwagen mit Smartphone-Steuerung.

Vorne das Kind, hinten die Mutter, dazwischen ein Handy, das offenbar wichtiger ist als die Fahrtrichtung.

Ich bin schon mehrfach beinahe unter die Räder gekommen. Und das, obwohl diese Gefährte eigentlich ganz gut zu erkennen sind. Ähnliche Kinderwagen, ähnliche Kleidung, ähnlicher Gesichtsausdruck. Der Blick konzentriert auf das Display, während sich der Kinderwagen seinen Weg durch die Fußgänger bahnt.

Und damit zurück zum Anfang.

Ich habe nichts gegen Technik. Ganz im Gegenteil. Ich nutze sie selbst täglich, und ohne sie gäbe es vermutlich auch diese Homepage in ihrer neuen Form nicht.

Aber Technik sollte uns das Leben erleichtern. Nicht unsere Aufmerksamkeit verschlucken, nicht unser Denken ersetzen und schon gar nicht dafür sorgen, dass wir unsere Mitmenschen nicht mehr wahrnehmen.

Vielleicht wäre es gar keine so schlechte Idee, das Handy gelegentlich in der Tasche zu lassen. Beim Einkaufen. An der Ampel. Beim Spaziergang mit dem Kind.

Und vielleicht sollten wir auch das Bargeld nicht so leichtfertig aus der Hand geben. Seine Vorzüge werden manche vermutlich erst dann zu schätzen wissen, wenn es nicht mehr selbstverständlich verfügbar ist.

Aber bevor meine neue Homepage endgültig zur Sammlung gesellschaftlicher Merkwürdigkeiten wird, verspreche ich mir selbst etwas:

Der nächste Gedanke oder das nächste Fundstück soll nach Möglichkeit wieder etwas sein, das Freude macht. Etwas Schönes. Etwas, das einen zum Lachen oder vielleicht sogar zum Strahlen bringt.

Bis dahin wünsche ich allen ein schönes Wochenende.

Und falls ihr noch einkaufen müsst: Nehmt ein bisschen Bargeld mit. Sicher ist sicher.

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