GEDANKEN
80 PS. Und trotzdem mehr Gefühl.
Donnerstag, 15. Oktober 2026

Auf dem Heimweg vom Büro stand er vor mir an einer roten Ampel. Ein dunkelgrüner Mercedes-Kombi.
Zuerst fiel mir der Lack auf. Dieses satte Dunkelgrün. Dann der ganze Wagen. Der sah aus, als hätte ihn gestern jemand im Laden gekauft. Hamburger Kennzeichen, ein H hinten dran. Ich schaute genauer hin und begriff allmählich: Das ist die Kombi-Ausführung meines ersten Autos.
Ein 123er.
Mein erster eigener Wagen war ein beiger Mercedes W123, ein 300 D. Ich war zwanzig. Drei Liter Diesel, fünf Zylinder, 80 PS und ein riesiges Schiebedach. Damit zu cruisen war herrlich.
Der frühe 80-PS-Diesel brauchte ungefähr zwanzig Sekunden von null auf hundert. Heute klingt das, als hätte man unterwegs noch jemanden nach dem Weg gefragt. Damals saß ich hinter diesem Lenkrad und war zufrieden. Ich hatte mein eigenes Auto. Und was für eines.
Lange hatte ich ihn leider nicht. Ein Besoffener fuhr mir frontal rein. Beide Autos waren danach Totalschaden.
Ich hatte nicht einmal eine Schramme.
Für mich hatte dieser riesige Mercedes mit seinem mächtigen Motor damals das Schlimmste abgefangen. Mein erstes Auto war hinüber, aber ich konnte unverletzt aussteigen. So etwas bleibt hängen.
Und nun stand Jahrzehnte später dieser dunkelgrüne Kombi vor mir. Ich betrachtete die Karosserie, die Proportionen, die Radkappen. Mein Gott, den hätte ich auch gerne. Als Kombi fand ich ihn sogar noch sexier als meine damalige Limousine.
Natürlich waren sofort die Erinnerungen da. Ich mit zwanzig. Das große Schiebedach. Dieses entspannte Fahren. Aber mir gefiel auch ganz einfach das Auto, das da vor mir stand. Diese Farbe. Diese Form. Ich hätte noch eine Weile hinter ihm stehen können, ohne mich über die rote Ampel zu beschweren.
Am selben Abend sah ich auf YouTube die Videos vom neuen Tesla Roadster.
Ein Auto, das mit zusätzlichem Schub laut Tesla in weniger als einer Sekunde von null auf 60 Meilen pro Stunde beschleunigen soll. Knapp 97 Kilometer pro Stunde. Mein alter Mercedes hätte zu diesem Zeitpunkt vermutlich gerade mitbekommen, dass es losgeht.
Und der Tesla hebt auch noch ab.
Tatsächlich. Mit Kaltgasdüsen. Kurze Flugmanöver, Drehungen in der Luft. Da wird Raumfahrttechnik in ein Auto gepackt, und ich sitze vor dem Bildschirm und denke:
Was ist das denn für eine Scheiße?
Die ganze Vorführung wirkte auf mich völlig gefakt. Wie ein schlecht gemachter Science-Fiction-Film. Ich habe bisher kein Bild davon gesehen, bei dem ich spontan gedacht hätte: Ja, das sieht echt aus. Alles wirkte künstlich, überdreht, wie aus dem Computer.
Dabei wurde dieses Abheben tatsächlich vorgeführt. Das macht meinen Eindruck ja erst so absurd. Da verlässt ein Auto den Boden, und ich bin weniger begeistert als ein paar Stunden zuvor von einem alten Kombi, der überhaupt nichts getan hat.
Dann diese Karosserie. Für mich sieht der Tesla aus wie ein 100-Euro-Lamborghini. Als hätte jemand „Supersportwagen“ bestellt und anschließend beim Auspacken festgestellt, dass er das Kleingedruckte hätte lesen sollen.
Ein Damenrasierer mit Kaltgasdüsen.
Ich kann begreifen, dass diese Beschleunigung technisch außergewöhnlich ist. Aber ich kann mich deshalb noch lange nicht für das Auto begeistern. Bei mir springt nichts über. Es bleibt eine Zahl auf einem Bildschirm, begleitet von einer Show, die mir auf die Nerven geht.
Und natürlich frage ich mich, wozu das alles gut sein soll. Ich sehe jeden Tag Menschen, die schon auf dem Boden mit dem Autofahren überfordert sind. Denen geben wir jetzt noch die Möglichkeit abzuheben.
Großartig. Dann reicht beim Spurwechsel irgendwann der Schulterblick nicht mehr. Dann muss ich auch noch nach oben schauen, ob gerade jemand mit seinem Tesla zur Arbeit fällt.
Dazu diese Displays, Kameras und Spielereien. Bei Tesla gibt es sogar Furzgeräusche als Unterhaltungsfunktion. Wer braucht so etwas? Ich jedenfalls nicht. Für Furzgeräusche musste ich bisher kein Auto kaufen.
Beim alten Mercedes habe ich das Gefühl, dass sich jemand mit Liebe an diese Karosserie gesetzt hat. Ich sehe die Linien, die Fenster, die Proportionen und möchte die Tür öffnen. Mich hineinsetzen. Losfahren.
Beim Tesla möchte ich das Video schließen.
Jetzt höre ich schon den Einwand: „Kannst du dir ja sowieso nicht leisten.“
Den dunkelgrünen Mercedes in diesem Zustand vermutlich auch nicht. So, wie der dastand, sah er keineswegs nach einem billigen Vergnügen aus. Aber wenn beide vor mir stünden und ich wählen dürfte, würde ich den Mercedes nehmen. Ohne noch einmal nach den Leistungsdaten zu fragen.
Der Vergleich ist eigentlich verrückt. Auf der einen Seite ein alter Diesel mit 80 PS, der rund zwanzig Sekunden braucht, um auf hundert zu kommen. Auf der anderen Seite ein Tesla, der in einem winzigen Bruchteil dieser Zeit fast dieselbe Geschwindigkeit erreicht und obendrein durch die Luft hüpft.
Und ich denke an das Schiebedach.
An meinen ersten eigenen Wagen. Daran, wie herrlich es war, mit zwanzig in diesem Mercedes unterwegs zu sein. Und daran, dass ich nach einem Frontalzusammenstoß unverletzt aussteigen konnte.
Vielleicht kann man diese Art von Verbindung ohnehin nicht mit technischen Daten erklären. Ich kann die Leistung des Tesla anerkennen und ihn trotzdem hässlich finden. Ich kann wissen, wie langsam mein alter Mercedes war, und ihn trotzdem vermissen.
An diesem Tag hat jedenfalls ein dunkelgrüner Kombi an einer roten Ampel mehr in mir ausgelöst als die ganze fliegende Zukunft am Abend.
Der Tesla konnte abheben.
Ich wollte wieder Mercedes fahren.